Führungskreis öffentlicher Dienst

20. April 2010

Demografische Entwicklung und die Konsequenzen für den öffentlichen Dienst

Bericht über das 2. Treffen des Führungskreises

Demografie – Drama oder Perspektive für den öffentlichen Dienst? Mit dieser Frage befasste sich der Führungskreis in seiner zweiten Sitzung am 20. April 2010 in Berlin. Um die Frage gleich zu beantworten: Die älter werdende Gesellschaft und die schrumpfende Bevölkerungszahl sind Drama und Perspektive zugleich.

Der demografische Wandel stellt auch den öffentlichen Dienst vor veränderte Herausforderungen. Dies gilt für die Aufgabenstellung, die Daseinsvorsorge, die Finanzlage als Fundament des Handelns und nicht zuletzt für das Personalwesen in der öffentlichen Verwaltung. Es gilt auf die zu erwartenden Folgen der demografischen Veränderungen zu reagieren, damit diese nicht Drama werden und eine positive Perspektive entsteht.

Prof. Dr. Kistler, Leiter des Internationalen Instituts für Empirische Sozialökonomie gGmbH (INIFES) gab zu Beginn des Führungskreises einen Überblick über die Dimensionen des demografischen Wandels. Er beleuchte die zu erwartende Lage aus nationaler und regionaler Sicht. Außerdem verdeutlichte er die eintretenden Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt, für die Sozialsysteme und die Einkommensentwicklung bzw. Vermögensverteilung. Prof. Dr. Kistler warnte jedoch davor, Entwicklungslinien auf sehr lange Zeit hinaus einschätzen zu wollen. Die Überschaubarkeit langer Zeiträume von teils mehreren Jahrzehnten sei nicht möglich, so Kistler. Er bezweifelte die Prognosen nach tatsächlichem Mangel an Arbeitskräften. Wohl aber dürfte es nach Ansicht von Kistler fehlende Fachkräfte in einigen Bereichen geben.  Mit Sorge beleuchtete Kistler die Entwicklung der Altersversorgung.

Führungskreis 04-2010 ver.di Führungskreis 04-2010

Wie sich älter werdende Belegschaften in einer öffentlichen Verwaltung konkret bemerkbar machen und welche personellen Strategien erforderlich sind, darüber referierte Frank Micheel vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. Herr Micheel berichtete von Untersuchungen des Instituts in der Bundesverwaltung.  Für Micheel kommt es vor allem darauf an, in Zeitabschnitten bis zum Jahr 2020 zu handeln. 

Über eine ausführliche Analyse der demografischen Entwicklung und seiner Folgen für die Stadtentwicklung sowie Aufgabenveränderungen der Stadtverwaltung der Landeshauptstadt München informierte Dr. Elke Wiechmann von der FernUniversität Hagen. Frau Wiechmann hat in Zusammenarbeit mit ver.di die Untersuchungen der Stadt München begleitet.  Sie berichtete auch über die zu erwartende Beschäftigungslage in den nächsten Jahren in anderen Großstädten in Nordrhein-Westfalen.  Frau Wiechmann stellte in ihrem Vortrag Qualifizierungserfordernisse durch die Erziehungsdienste heraus, die ihres Erachtens bereits bei Kindern zu beachten sind.

Was ist zu tun, um alters- und alternsgerechtes Arbeiten in der Verwaltung und Betrieb zu ermöglichen? Wie gut und wie schnell arbeiten junge im Vergleich zu lebensälteren Menschen und welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen? Diese Fragen standen im Mittelpunkt des Vortrages von Prof. Dr. Manfred Becker von der Universität Halle/Wittenberg. Herr Becker stellte eine empirische Untersuchung seiner Beratungsgesellschaft vor. Ein deutliches Plädoyer folgte von Herrn Becker zur Qualifizierung und Bildung. Bildung dürfe nicht länger als lästige Aufgabe verstanden werden, sondern sollte mit Freude und Interesse wahrgenommen werden. Als Alternativlos bezeichnete Becker eine längere Lebensarbeitszeit. Allerdings müssten auch Maßnahmen erfolgen, um die Menschen zu befähigen, länger arbeiten zu können. Dabei böten die Untersuchungen zur unterschiedlichen Leistungsfähigkeit von jüngeren und älteren Beschäftigten eine wichtige Grundlage für personalpolitische Entscheidungen.

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In einer ausführlich und teils kontrovers geführten Diskussions- und Gesprächsrunde unter der Leitung von Herrn Christian Köppl, Redakteur der Zeitschrift „Behördenspiegel“ wurden die unterschiedlichen Facetten des Themas beleuchtet. Der Vorsitzende von ver.di Frank Bsirske forderte eine solide Finanzgrundlage für Städte und Gemeinden zu schaffen, als unmittelbare Schnittstelle zu den Bürgerinnen und Bürgern.  Eine freiwillige Verlängerung der Lebensarbeitszeit sei für ver.di vorstellbar, aber nicht die jetzt gesetzlich geregelte starre Verlängerung der Regelaltersgrenze, sagte Bsirske.  In Sachen Bildungsvoraussetzungen zur Wahrnehmung von Aufgaben forderte Frank Bsirske eine Abkehr von allzu eng gesetzten Qualifizierungserfordernissen. Achim Meerkamp, Mitglied des Bundesvorstandes von ver.di ging in seinem Redebeitrag vor allem auf die tarifpolitischen Herausforderungen ein.  Tarifpolitik muss nach Ansicht von Meerkamp die demografischen Veränderungen aufgreifen. So gelte es u. a. Vergütungssysteme zu schaffen, um die Attraktivität einer Beschäftigung im öffentlichen Dienst zu wahren. Über die Zielsetzungen der Bundeshauptstadt und des Landes Berlin und dabei zu beachtende strukturelle besondere Aufgaben, wie zur Migration sowie zu Schule und Bildung berichtete Frau Staatssekretärin Monika Helbing vom Senat Berlin.

Die Mitglieder des Führungskreises erhalten die Vorträge der Referentin sowie der Referenten zugesandt. Das nächste Treffen des Führungskreises ist für den 13.  oder  14. Oktober  2010 in Berlin vorgesehen. Als Thema der nächsten Zusammenkunft verständigte sich der Führungskreis auf die Erfordernisse von Personalplanung, vor dem Hintergrund der demografischen Herausforderungen. Dabei sollen Anforderungsprofile insbesondere in Sachen Personalentwicklung, für die Tarif- und Beamtenpolitik sowie die Zusammenarbeit zwischen Führungskräften und Personalvertretungen aufgezeigt werden.

Klaus Weber, Bereichsleiter